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Können neuroendokrine Tumoren vererbt werden?

Neuroendokrin­e Tumor­en (NET) entstehen meist spontan. Im Rahmen eines Multiple-endokrin­e-Neoplasie (MEN)-Syndrom­s können sie jedoch auch erblich bedingt auftreten.

Manche Patienten mit einem neuroendokrin­en Tumor machen sich Sorgen darüber, dass sie die Krankheit an ihre Kinder weitergeben könnten. Die meisten NET entstehen jedoch „spontan“, d. h., sie sind nicht erblich bedingt. Wenn neuroendokrin­e Tumoren allerdings im Rahmen eines sogenannten MEN-Syndrom­s auftreten, können sie von einer Generation auf die nächste vererbt werden. [8]
Dieser Artikel bietet einen ersten Überblick über die Grundlagen der Vererbung. Bei konkreten Fragestellungen sind jedoch weitere Faktoren und Umstände zu berücksichtigen. Informieren Sie sich hierzu bei Ihrem behandelnden Arzt oder nehmen Sie eine individuelle genetische Beratung in Anspruch.

Was ist eigentlich das Erbgut?

Die Grundsubstanz des Erbguts ist die sogenannte Desoxyribonukleinsäure (DNS). Sie befindet sich im Kern jeder Zelle des Körpers. Ihr entscheidender Bestandteil sind vier verschiedene chemische Moleküle (Basen), die sich in langen Strängen aneinanderreihen. Die Reihenfolge, in der die Basen in der DNS angeordnet sind, verschlüsselt die Baupläne für sämtliche „Bausteine“ des Körpers. Dabei wird ein Abschnitt auf der DNS, der die Informationen für einen bestimmten Baustein enthält, als Gen bezeichnet. [1, 2]
Die menschliche DNS ist in Form sogenannter Chromosom­en dicht verpackt. In den menschlichen Körperzellen kommen solche Chromosom­en paarweise vor. Dabei stammt je ein Chromosom von der Mutter und eines vom Vater. Insgesamt gibt es 23 Chromosomenpaare, also 46 Chromosomen. Da die Chromosomen jeweils doppelt vorkommen, liegen auch die Gene in doppelter Ausführung vor. Die beiden Versionen eines Gens heißen Allele. [1, 3]

Was ist Vererbung?

Als Vererbung bezeichnet man die Weitergabe genetischer Informationen von Lebewesen auf ihre Nachkommen. Beim Menschen erhalten die Nachkommen die genetische Information jeweils in doppelter Ausführung (je ein väterliches und ein mütterliches Gen). Allerdings können die geerbten Informationen unterschiedlich stark zur Ausprägung kommen. So kann es sein, dass z. B. nur das väterliche Gen als „Bauplan“ dient, d. h. dominant vererbt wird, während das mütterliche gar nicht genutzt und damit rezessiv vererbt wird. Daneben gibt es intermediäre und kodominante Erbgänge, bei denen sowohl das väterliche als auch das mütterliche Gen als Bauplan verwendet wird. [1, 4, 5]

Wie können Veränderungen im Erbgut krank machen?

Im Erbgut kann es durch die verschiedensten Einflüsse zu Veränderungen (Mutationen) kommen. Der menschliche Körper verfügt jedoch über Mechanismen, die solche Schäden normalerweise wieder reparieren. In seltenen Fällen aber gelingt eine solche Reparatur nicht. Je nachdem welcher Teil des Erbguts betroffen ist, können dann unterschiedliche Beschwerden bzw. Krankheiten entstehen. [1]
So können irreparable Mutationen an Körperzellen z. B. dazu führen, dass diese sich in unkontrolliert wuchernde Krebszellen verwandeln. Manchmal sind aber auch Keimzellen, also Eizellen oder Spermien, von der Erbgutveränderung betroffen. In diesem Fall kann die Mutation und damit auch die jeweilige Krankheit von den Eltern auf ihre Kinder vererbt werden. [1]

Welche NET sind erblich?

Mehr als 90 % aller neuroendokrin­en Tumoren entstehen spontan, d. h., sie wurden nicht vererbt. Über die Ursachen ist in diesen Fällen noch wenig bekannt. Treten NET allerdings im Rahmen von multiplen endokrin­en Neoplasien (MEN) auf, kann die Veranlagung auch von Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden. [7]
So werden MEN vom Typ 1 (MEN1) durch Mutationen im sogenannten MEN1-Gen verursacht. Diese Erbgutveränderung kann in einem „dominanten Erbgang“ an die Nachkommen weitergegeben werden. Dominant bedeutet, dass das mutierte MEN1-Gen sich gegenüber dem gesunden Gen des anderen Elternteils durchsetzt. Statistisch gesehen würde die Hälfte der Nachkommen das MEN1-Gen erhalten, in der Realität sind aber alle Verteilungsmuster möglich. Erhält das Kind von einem Elternteil das krankhaft veränderte MEN1-Gen, wird es im Laufe seines Lebens mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls an MEN1 erkranken. [6, 8]
Auch die multiple endokrin­e Neoplasie Typ 2 (MEN2) wird durch eine krankhafte Veränderung eines Gens verursacht, des sogenannten RET-Gens. Bei MEN2 ist ebenfalls eine Vererbung von den Eltern auf die Nachkommen in einem dominanten Erbgang möglich. [6, 8]

Lässt sich das Risiko testen?

Multiple endokrin­e Neoplasien sind genetisch bedingte Erkrankungen, die sich durch entsprechende Gentests feststellen lassen, auch wenn die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist. Zur Durchführung eines solchen Tests wird der Testperson Blut entnommen. Im Anschluss wird die in den Blutzellen enthaltene DNS im Labor auf die Mutationen hin untersucht, die für MEN1 bzw. MEN2 charakteristisch sind. [8, 9]
Sinnvoll kann ein solcher Test für Patienten mit neuroendokrin­en Tumoren sein, bei denen ein Verdacht besteht, dass MEN vorliegt. Dies ist z. B. der Fall, wenn NET wiederholt auftreten oder wenn mehrere Tumoren in hormon­produzierenden Organen nachgewiesen werden. Auch bei Patienten, bei denen MEN-typische Tumoren bereits in der Familie aufgetreten sind, ist ein Gentest sinnvoll. Gesunde Menschen, bei denen enge Verwandte, z. B. Geschwister oder Eltern, an MEN erkrankt sind, sollten sich ebenfalls testen lassen. [8, 9]
Vor einem solchen Test ist eine genetische Beratung wichtig. Dabei führt der Arzt ein ausführliches Gespräch mit dem Betroffenen, in dem er ihn umfassend über seine Krankheit und die damit verbundenen genetischen Risiken informiert und auch den Nutzen, die potenziellen Probleme und die Grenzen von Gentests anspricht. Die Beratung umfasst zudem eine Dokumentation der Familiendaten (Stammbaumanalyse) und der Krankengeschichte des Patienten. [8, 9]
Eine genetische Beratung wird von Fachärzten für Humangenetik und Fachärzten anderer Fachrichtungen mit der Zusatzbezeichnung „Medizinische Genetik“ angeboten. Klären Sie bitte die Kostenübernahme für eine solche Beratung vorher mit Ihrer Krankenkasse ab. Weitere Informationen zum Thema sowie Adressen genetischer Beratungsstellen finden Sie auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik [10].

Quellen/Literatur: 

[1] Graw J. Genetik. Springer DE; 2006. [2] Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Wissenschaft online -Wissenschaft im Überblick: Kompaktlexikon, Stichwort Gen (zuletzt besucht am 14.01.2013). http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/biok/4671 [3] Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Wissenschaft online -Wissenschaft im Überblick: Kompaktlexikon, Stichwort Allele (zuletzt besucht am 14.01.2013). http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/biok/417 [4] Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Wissenschaft online -Wissenschaft im Überblick: Kompaktlexikon, Stichwort Vererbung (zuletzt besucht am 14.01.2013). http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/biok/12463 [5] Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Wissenschaft online -Wissenschaft im Überblick: Kompaktlexikon, Stichwort Erbgang (zuletzt besucht am 14.01.2013). http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/biok/3787 [6] Hiddemann W et al. Die Onkologie: Teil 1: Epidemiologie - Pathogenese - Grundprinzipien der Therapie; Teil 2: Solide Tumoren - Lymphome - Leukämien. Springer DE; 2009. [7] Neuroendokrine Tumoren / NET (zuletzt besucht am 24.01.2013). Springer Medizin; http://www.springergesundheit.de/kooperation/content-232484.html [8] Prof. Dr. H.-G. Dörr et al. Patientenratgeber: Die multiple endokrine Neoplasie Typ 1: MEN 1 (Stand März 2005). [9] Schweizerischen Gesellschaften für Endokrinologie und Diabetologie, Pädiatrische Endokrinologie und Medizinische Genetik. Empfehlungen zur Durchführung von Gentests bei Patienten mit multipler endokriner Neoplasie (MEN). Schweiz Med Forum. 2006;6:299–303. [10] Homepage der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik (zuletzt besucht am 14.01.2013). http://www.gfhev.de

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