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Bei MEN-Syndromen entstehen Tumoren in mehreren Organen

MEN-Syndrom­e sind erbliche Erkrankungen. Bei den Betroffenen treten mehrere Tumor­en in hormon­produzierenden Organen auf. Bei MEN1 sind Nebenschilddrüsen, Hirnanhangsdrüse und Bauchspeicheldrüse am häufigsten betroffen.

MEN bzw. MEN-Syndrom ist ein Oberbegriff, der mehrere Krankheitsformen umfasst. Dabei steht die Abkürzung MEN für „multiple endokrin­e Neoplasie“ (multipel = mehrfach, endokrin = hormon­bildend, Neoplasie = Neubildung, Tumor). Es handelt sich also um Krankheiten, bei denen mehrere Tumoren in verschiedenen hormon­bildenden Organen auftreten. Der Begriff „Syndrom“ besagt, dass bei MEN einige typische Krankheitszeichen (Symptom­e) gleichzeitig vorkommen.

Beim MEN-Syndrom werden drei Krankheitsformen unterschieden, bei denen jeweils andere endokrine Organe von der Krankheit betroffen sind: Das MEN-Syndrom Typ 1 oder Wermer-Syndrom sowie die MEN-Syndrome TYP 2A und 2B. [1]

MEN1 oder Wermer-Syndrom

MEN-Syndrome Typ 1 kommen mit einer Häufigkeit von etwa 1 pro 100.000 Menschen vor [1]. Es handelt sich um eine genetisch bedingte Krankheit, die über einen sogenannten autosomal-dominanten Erbgang an die Nachkommen weitergegeben wird. Das bedeutet, statistisch gesehen vererbt ein erkrankter Elternteil die Krankheit an die Hälfte seiner Kinder [2].

MEN1-Patienten erkranken im Laufe ihres Lebens in der Regel an mehreren Tumoren. Diese können gleichzeitig oder nacheinander auftreten. Typischerweise sind folgende Organe betroffen: [1,3]

  • Nebenschilddrüsen (> 90 %)
  • Bauchspeicheldrüse und Magen-Darm-System (75 %). Dabei treten Gastrin­ome, Insulin­om­e, VIPom­e und Glukagon­om­e auf.
  • Hirnanhangsdrüse (60 %). Hier können z. B. Prolaktin­ome auftreten, d. h. Tumoren, die vermehrt Prolaktin produzieren.

Seltener kommen bei MEN1 Geschwülste der Nebenniere­nrinde, des Thymus und der Bronchien vor. Bisweilen finden sich Tumoren des Fettgewebes (Lipome) oder des Bindegewebes (Angiofibrome) in der Haut. [1]

Tumoren der Nebenschilddrüsen

Am häufigsten und meistens zuerst betroffen sind bei MEN1 die Nebenschilddrüsen; über 90 % der MEN1-Patienten entwickeln im Lauf ihres Lebens hier Tumoren [1]. Die Nebenschilddrüsen liegen der Schilddrüse an und bilden das sogenannte Parathormon. Das Hormon steuert den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel im Körper.

Ist die Ausschüttung von Parathormon durch den Tumor der Nebenschilddrüsen erhöht, dann steigt auch der Kalziumspiegel im Blut an. Das überschüssige Kalzium muss über die Nieren ausgeschieden werden. Dies kann u. a. zur Entstehung von Nierensteinen und Nierenkoliken führen. Da die Knochen infolge des Parathormon-Überschusses immer mehr Kalzium verlieren, können auch Knochen und Gelenkschmerzen auftreten. Darüber hinaus führt die Störung des Kalziumhaushalts oft zu chronischer Verstopfung. [3]

Tumoren der Bauchspeicheldrüse

Der häufigste hormonproduzierende Tumor der Bauchspeicheldrüse bei MEN1 ist das Gastrin­om [4]. Dieser Tumor schüttet Gastrin aus. Das führt zu einer übermäßigen Bildung von Magensäure, was wiederum Magengeschwüre und Verdauungsstörungen verursachen kann. Das Krankheitsbild, das ein Gastrinom hervorruft, bezeichnet man als Zollinger-Ellison-Syndrom [1].

Der zweithäufigste Tumor der Bauchspeicheldrüse bei MEN1 ist das Insulin­om. Die vermehrte Ausschüttung von Insulin führt zu einer starken Absenkung des Blutzuckerspiegels bei den Betroffenen. Typische Beschwerden infolge der Unterzuckerung (Hypoglykämie) sind Mattigkeit, Zittern, Herzklopfen, Schwitzen, Heißhungerattacken und Gewichtszunahme. Es können auch Störungen des zentralen Nervensystems wie Kopfschmerzen, Verwirrung, Sehstörungen und mangelnde Bewegungskoordination auftreten. [3,4]

Tumoren der Hirnanhangsdrüse

Die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) produziert eine Reihe von sogenannten Steuerhormonen. Diese wirken nicht direkt auf den Stoffwechsel, sonde­rn regulieren die Aktivität anderer hormonproduzierender Drüsen des Körpers, z. B. der Schilddrüse oder der Nebenniere­n. Hormonell aktive Tumoren, die im Rahmen von MEN1 in der Hypophyse entstehen, wirken sich oft auf die Bildung dieser Steuerhormone aus und beeinflussen so indirekt auch die Ausschüttung der nachgeordneten Hormone. [4]

Bei Tumoren der Hypophyse kann es z. B. zur Überproduktion des Hormons Prolaktin kommen, das wiederum die Sexualhormone steuert. Vermehrte Milchsekretion und Störungen der Regelblutung bei Frauen sowie Potenzprobleme bei Männern sind mögliche Folgen. Auch das sogenannte adrenokortikotrope Hormon, das die Hormone der Nebenniere­nrinde steuert, kann vermehrt freigesetzt werden. Der Patient leidet dann unter dem sogenannten Cushing-Syndrom, was durch Gewichtszunahme, Hautveränderungen, Bluthochdruck, Muskelschwäche und/oder Zuckerkrankheit gekennzeichnet ist. Das Wachstumshormon kann ebenfalls vermehrt ausgeschüttet werden, was zur Akromegalie führt. [3]

MEN-Syndrome Typ 2

Neben dem MEN-Syndrom Typ 1 gibt es multiple endokrine Neoplasien vom Typ 2A („Sippel-Syndrom“) und vom Typ 2B („Gorlin-Syndrom“), die ebenfalls autosomal-dominant vererbt werden. Bei beiden Formen bilden sich unter anderem häufig Tumoren in den Schilddrüsen („medulläres Schilddrüsenkarzinom“) und den Nebenniere­n. Bei MEN2B-Patienten finden sich häufig sogenannte „Nervenknoten“ (Neurome) in den Schleimhäuten. Die Betroffenen haben außerdem häufig einen sogenannten Marfan-Habitus, also einen sehr schlanken Körperbau, lange Extremitäten, sehr lange schmale Finger („Spinnenfingrigkeit“) und überstreckbare Gelenke. [1,5]

Beim Auftreten mehrerer Tumoren an MEN denken

Sind in Ihrer Familie bereits mehrere Tumoren in den oben genannten Organen aufgetreten, könnte es sich um ein MEN-Syndrom handeln. Sollten Sie selbst betroffen sein, denken Sie daran, dass für Ihre Verwandten möglicherweise eine genetische Untersuchung sinnvoll ist. Für Patienten mit Verdacht auf MEN und bisher gesunde Verwandte von MEN-Patienten stehen Gentests zur Verfügung [6].

Zeigt sich bei der Untersuchung, dass eine mit MEN im Zusammenhang stehende genetische Mutation vorliegt können regelmäßig Untersuchungen durchgeführt werden. So können auftretende Tumoren frühzeitig entdeckt und behandelt werden [4].

Quellen/Literatur: 
[1] Bieber C et al. Duale Reihe Innere Medizin. Georg Thieme Verlag; 2012. [2] Netzwerk Neuroendokrine Tumoren (NeT) e. V. Multiple endokrine Neoplasie (zuletzt besucht am 15.04.2013). http://www.glandula-net-online.de/cms/front_content.php?idcat=115&idart=200 [3] Patientenbroschüre “Neuroendokrine Tumoren des Magen-Darm-Traktes und der Bauchspeicheldrüse (GEP-NET)”, Novartis Pharma GmbH, November 2010. http://www.glandula-net-online.de/cms/upload/Broschren/Patientenbroschre_GEP-NET_Nov._2010.pdf [4] Netzwerk Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen e. V. Patientenratgeber “Die multiple endokrine Neoplasie Typ 1 (MEN 1).”2010. [5] Mawrin C et al. Kurzlehrbuch Pathologie. Georg Thieme Verlag; 2013. [6] Rothmund M et al. Praxis der Viszeralchirurgie: Endokrine Chirurgie. Springer; 2007.