Hormone steuern zahlreiche Vorgänge im Körper. Neuroendokrine Tumoren führen zu einer übermäßigen Hormonproduktion – mit unterschiedlichsten Symptomen.
Der Begriff Hormon stammt aus dem Griechischen und heißt "antreiben, erregen". Hormone sind Botenstoffe, die vielfältige Funktionen und Stoffwechselprozesse im Körper steuern. Hierzu gehören z. B. Wachstum, Kreislauffunktion, Atmung, Körpertemperatur, Fortpflanzung etc. Sie werden in speziellen Zellen gebildet. Hierzu zählen die Zellen der großen Drüsen (wie Schilddrüse, Eierstöcke und Hoden, Bauchspeicheldrüse etc.), aber auch die Zellen des neuroendokrinen Gewebes, das in Bauchspeicheldrüse, Magen-Darm-Trakt und Lunge vorkommt. Diese Zellen geben die Hormone an die Blutbahn ab, die messbaren Konzentrationen liegen im µg- (Mikrogramm = 1 millionstel Gramm) und ng (Nanogramm = 1 milliardstel Gramm)-Bereich.
Der Hormonhaushalt des Menschen ist ein komplexes Regelwerk, dessen Gleichgewicht dadurch gewährleistet wird, dass sich viele Hormone in ihrer Produktion und Freisetzung gegenseitig regulieren. Vergleichbar mit den Zahnrädchen eines Uhrwerks, kann eine Veränderung an einer Stelle dieses Regelwerks das Zusammenspiel erheblich stören. Eine Fehlregulation, die Zerstörung aber auch vermehrtes Wachstum von Drüsengewebe führen dazu, dass entweder zu viel oder zu wenig Hormon gebildet wird.
Ein bekanntes Beispiel ist der Typ1-Diabetes, die Zuckerkrankheit, bei der die Zerstörung von Bauchspeicheldrüsengewebe zu einem Insulinmangel führt.

Abb. Modell des Insulins
Bei Patienten mit neuroendokrinem Tumor ist hingegen ein Zuviel an Hormonen die Wurzel allen Übels. Etwa ein Drittel der neuroendokrinen Tumoren sind funktionell aktiv, dass heißt sie bilden Hormone und geben diese ans Blut ab. Das charakteristische Krankheitsbild, das der Tumor hervorruft, wird davon bestimmt, welches Hormon er produziert. In den meisten Fällen wird der Tumor nach diesem benannt.
Tab. Übersicht funktionell aktive neuroendokrine Tumoren
| Name des Tumors (produziertes Hormon) | Normale Wirkung des Hormons |
Sitz des Tumors | Symptome |
| Insulinom (Insulin) | Senkung des Blutzuckerspiegels, Fett- und Eiweißstoffwechsel, Kaliumhaushalt | Bauchspeichel- drüse |
Unterzucker (Schwäche, Schwitzen, Zittrigkeit, Konzentrations- störungen, Heißhunger, etc.) |
| Gastrinom (Gastrin) | Fördert die Bildung von Magensäure und Histamin, stimuliert die Magen- und Darmbewegung | Bauchspeichel- drüse, Zwölffingerdarm |
Übersäuerung des Magens, Magen- und Zwölffingerdarm- geschwüre, Durchfälle |
| VIPom (Vasoaktives intestinales Peptid (VIP)) | Führt zur Erschlaffung der Muskulatur in Magen, Darm, Lunge, erweitert die Blutgefäße und Bronchien, hemmt die Magensäurebildung und die Blutgerinnung | Zu 90 % in der Bauchspeichel- drüse, bei Kindern manchmal am Grenzstrang des Rückenmarks |
Wässrige Durchfälle, Muskelschwäche, Erbrechen, Flush |
| Glukagonom (Glukagon) | Abbau von Glykogen (Speicherform von Zucker in Leber und Muskulatur) führt zur Erhöhung des Blutzuckerspiegels | Bauchspeichel- drüse |
Erhöhter Blutzuckerspiegel, Gewichtsverlust, Blutarmut, Ausschlag an Armen und Beinen, Entzündungen der Mundschleimhaut |
| Karzinoid-Syndrom (Serotonin) | Förderung der Darmbewegung, Regulation des Blutdrucks, Einfluss auf Schlaf-Wachrhythmus, Stimmung, Appetit |
Darm | Krampfartige Bauchschmerzen, Durchfälle, Flush |
Oberstes Ziel bei der Behandlung neuroendokriner Tumoren ist die Entfernung des Tumors und damit eine Unterbindung der Hormonproduktion. Doch nicht immer lässt sich dieses Ziel verwirklichen. Dann muss mit Medikamenten versucht werden, der Symptome Herr zu werden und das Allgemeinbefinden und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Die Mannigfaltigkeit der Tumoren legt nahe, dass es kein einheitliches Behandlungskonzept geben kann. Die Wahl des Medikaments oder einer Kombination von Medikamenten muss sich deshalb immer am Tumortyp orientieren.
Neben den großen Unterschieden haben viele neuroendokrine Tumoren jedoch auch eine Gemeinsamkeit: Sie tragen an ihrer Oberfläche Bindungsstellen für Somatostatin, einem weiteren Hormon, das u. a. die Hormonausschüttung in verschiedenen Körperzellen hemmt. Eine Therapie mit Somatostatin-Analoga kann deshalb bei vielen neuroendokrinen Tumoren die Symptome bessern, indem es die Hormonausschüttung reduziert, und in manchen Fällen sogar eine Verkleinerung des Tumors bewirken.