Glukagonome sind neuroendokrine Tumoren, die das Hormon Glukagon produzieren, den Gegenspieler des Insulins. Sie kommen selten vor, oft werden sie nur durch Zufall entdeckt.
Glukagonome sind seltene neuroendokrine Tumoren (NET), die von der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) ausgehen. Die Mehrzahl der Glukagonome entwickelt sich im Rahmen einer Multiplen Endokrinen Neoplasie vom Typ 1 (MEN-1). So genannte funktionell aktive Glukagonome, die Hormone ausschütten, sind zehn- bis 100-mal seltener als Insulinome, die häufigsten NET der Bauchspeicheldrüse.
Funktionell inaktive Glukagonome kommen zwar auch vor, genau genommen sollten diese Tumoren jedoch nicht als Glukagonome, sondern als funktionell inaktive neuroendokrine Tumoren bezeichnet werden, da sie - wie der Name bereits sagt - kein Glukagon-Hormon ans Blut abgeben. Die Bezeichnung ergibt sich allerdings aufgrund feingeweblicher Untersuchungen durch den Pathologen, der anhand von Gewebeproben bestimmen kann, zu welcher Art von NET ein Tumor gehört, auch wenn das gebildete Hormon nicht in die Blutbahn gelangt.
Die wichtigsten Beschwerden bei funktionell aktiven Glukagonomen sind auf die Wirkung des Hormons Glukagon zurückzuführen, das in speziellen Zellen der Bauchspeicheldrüse produziert und vom Tumor verstärkt ausgeschüttet wird. Wie das bekanntere Hormon Insulin, das die Aufnahme von Zucker in die Körperzellen ermöglicht, ist auch Glukagon an der Regulation des Kohlenhydratstoffwechsels beteiligt. Seine Funktion besteht darin, dem Insulin entgegenzuwirken.
Während Insulin ein "Überschusshormon" ist, also natürlicherweise den Blutzuckerspiegel senkt und Energiereserven aufbaut, wenn ein Nährstoffüberangebot im Blut vorliegt, handelt es sich bei seinem Gegenspieler Glukagon um ein "Mangelhormon": Es bewirkt, dass Zucker aus den Kohlenhydratspeichern des Körpers freigesetzt und in den Blutkreislauf abgegeben wird.
Zu den Leitbeschwerden, die beim funktionell aktiven Glukagonom als Glukagonom-Syndrom zusammengefasst werden, gehören wandernde Bereiche geröteter, absterbender und sich ablösender Haut (nekrolytisches, migratorisches Erythem bzw. NME mit sekundärer blasenbildender Dermatitis) und Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Hinzu kommt vielfach ein deutlicher Gewichtsverlust. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Hautveränderungen die Folge von Mangelzuständen sind, die infolge der verstärkten Freisetzung von Kohlenhydraten aus den Energiespeichern des Körpers entstehen. Hierdurch tritt insbesondere ein Mangel an verschiedenen B-Vitaminen (B2, B3, B6, B12 u.a.m.) ein.
Die stark gesteigerte Freisetzung von Kohlenhydraten aus den Körperspeichern ist auch für den Gewichtsverlust und die Zuckerkrankheit verantwortlich. Aufgrund der ungehemmten Glukagon-Produktion durch den Tumor kann der Körper den Zuckerspiegel nur für eine begrenzte Zeit durch eine erhöhte Insulin-Freigabe ausgleichen. Überwiegt schließlich das Glukagon, steigt der Blutzuckerspiegel an: Es entsteht eine Zuckerkrankheit, Reserven wie Fettgewebe werden zunehmend abgebaut.
Funktionell inaktive NET, die nicht zu einer Erhöhung des Glukagon-Spiegels im Blut führen, verursachen hingegen in der Regel nur dann Beschwerden, wenn sie so ausgedehnt sind, dass sie die Funktion anderer Organe im Bauchraum einschränken.
Beim Nachweis eines funktionell inaktiven NET handelt es sich in den allermeisten Fällen um einen Zufallsbefund im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung oder Magnetresonanz- (MRT) bzw. Computertomographie (CT) aus anderen Gründen, da sie häufig keine Beschwerden verursachen. Fällt bei diesen Untersuchungen eine Geschwulst der Bauchspeicheldrüse auf, wird in der Regel eine Gewebeprobe entnommen, die dann zur eigentlichen Diagnose führt.
Funktionell aktive Glukagonome werden hingegen durch den Nachweis erhöhter Glukagonwerte im Blut erkannt. Die Werte können die normalen Glukagon-Konzentrationen um das bis zu 1000-Fache übersteigen. Hinweise liefern auch die typischen Beschwerden aufgrund eines Glukagonom-Syndroms. Die Lage des Tumors in der Bauchspeicheldrüse und eventuell vorhandene Absiedelungen in anderen Organen (Metastasen) werden mittels bildgebender Verfahren wie MRT, CT, Ultraschall und nuklearmedizinischer Untersuchungen bestimmt. Der Nachweis des Tumormarkers Chromogranin A unterstützt die Diagnosefindung.
Glukagonome, die noch keine Metastasen abgesiedelt haben, werden in einer Operation aus der Bauchspeicheldrüse entfernt. Ist die Operation erfolgreich, gilt der Patient als geheilt. Kann der Tumor nicht vollständig entfernt werden, erfolgt zusätzlich oder ersatzweise eine medikamentöse Behandlung mit Somatostatin-Analoga und/oder Interferon alpha. Die Gabe von Zink, Aminosäuren und essentiellen Fettsäuren kann sich positiv auf die Behandlung auswirken.