Interferon alpha ist ein natürlicher Bestandteil des Immunsystems, der der Abwehr von Viren und Tumorzellen dient. Therapeutisch kann Interferon alpha zur Behandlung bei NET eingesetzt werden. Nebenwirkungen können jedoch zum Behandlungsabbruch zwingen.
Interferon alpha (IFN alpha) ist ein wichtiger Teil des Immunsystems und dient im Körper als „Steuersignal" (Botenstoff). Die Zellen geben Interferon alpha als Warnsignal an ihre Umgebung ab, wenn es bei ihnen zu Stoffwechselstörungen gekommen ist, etwa weil sie von Viren befallen worden sind.
Die meisten Zellen können Interferon alpha nicht nur selbst produzieren und abgeben, sondern verfügen auch über Empfangsstellen (Rezeptoren) für den Botenstoff, der von anderen Zellen freigesetzt wurde. Durch diese Fähigkeit können sich die Zellen vor möglichen Angriffen z. B. durch Viren schützen. Auch Tumorzellen einiger neuroendokriner Tumoren haben einen Rezeptor für Interferon alpha. Wird Interferon alpha als Medikament verabreicht, kann es an diesen Rezeptoren andocken und auf die Tumorzelle einwirken.
Kommt eine Zelle mit dem Interferon alpha in Kontakt, löst dies eine Umstellung des Eiweiß-Stoffwechsels der Empfängerzelle aus. Das hat zwei wichtige Konsequenzen:
Erstens: Viren, auf die zahlreiche Erkrankungen wie z.B. Schnupfen, Grippe, Leberentzündung (Hepatitis) oder AIDS zurückgehen, sind für ihre Vermehrung grundsätzlich auf den Stoffwechsel von Körperzellen angewiesen. Durch die von Interferon alpha ausgelöste Stoffwechselumstellung der Zellen können sich Viren nicht mehr ungestört vermehren.
Zweitens: Wenn Interferon alpha auf Tumorzellen trifft, verändert es deren Stoffwechsel ebenfalls. Diese Wirkung ist entscheidend für den Einsatz von Interferon alpha zur Behandlung von neuroendokrinen Tumoren (NET):
Auf welchem Weg diese Wirkungen von Interferon alpha auf Tumorzellen ausgelöst werden, ist bisher nicht im Detail bekannt.
Interferon alpha wird vorrangig bei funktionell aktiven NET und insbesondere zur Behandlung des Karzinoidsyndroms eingesetzt. Wie gut das Medikament bei funktionell inaktiven Tumoren wirkt, wird derzeit noch untersucht. Die Wirksamkeit von Interferon alpha bei neuroendokrinen Tumoren ist etwa mit der der Somatostatin-Analoga vergleichbar:

Abb. Moderne Interferon alpha-Präparate werden zwischen drei und sieben Mal pro Woche unter die Haut gespritzt. Die Injektion kann von den Patienten selbst vorgenommen werden.
Die aktuelle Therapierichtlinie der Europäischen Gesellschaft Neuroendokriner Tumoren (ENETS) empfiehlt für aktive NET des Krumm- und Leerdarms (lat. jejunum und ileum) Interferon alpha als Zweitlinientherapie nach Somatostatin-Analoga. Als Zweitlinientherapie wird die Therapie bezeichnet, die eingesetzt wird, wenn die initiale Therapie nicht oder nicht mehr wirksam ist.
Obwohl Interferon alpha gut gegen neuroendokrine Tumoren wirkt, brechen rund 15 bis 20 % der Behandelten die Therapie mit dem Medikament wieder ab. Ursache dafür sind die verhältnismäßig häufigen Nebenwirkungen von Interferon alpha, die zu starken Beeinträchtigungen der Patienten führen können. Zu nennen sind
Schwere Herz-, Leber-, Nieren-, Autoimmun-, Schilddrüsen- oder psychiatrische Vorerkrankungen schließen den Einsatz von Interferon alpha von vornherein aus.
Interferon alpha und Somatostatin-Analoga wirken auf unterschiedliche Weise gegen NET. Wissenschaftler untersuchen daher, ob sich die beiden Medikamente in der Behandlung ergänzen können.
Die beiden wichtigsten Untersuchungen zu dieser Frage haben gezeigt, dass die Kombination nicht besser wirkt als die jeweiligen Einzelstoffe. Allerdings gab es Hinweise, dass unter der Kombinationsbehandlung vermehrt Nebenwirkungen auftreten könnten. Während dies zunächst gegen eine Kombinationstherapie zu sprechen scheint, konnte eine der beiden Studien jedoch zeigen, dass Patienten, die frühzeitig auf die Behandlung mit Interferon alpha oder einem Somatostatin-Analogon ansprechen von einer Kombination beider Wirkstoffe profitieren. Die Kombination der beiden Medikamente wird daher zwar im Allgemeinen nicht empfohlen, kann im Einzelfall jedoch sinnvoll sein.